DIE QUERFRONT ALS RECHTES KONZEPT EINST UND JETZT- VON DEN BRÜDERN STRASSER UND ERNST NIEKISCH ZU JÜRGEN ELSÄSSER UND K.F. JEBSEN

15.11.2015 18:54

 

Broschüren-Referate

SFM

Das Sozialistische Forum München 
THEMA

QUERFRONT ALS RECHTES KONZEPT EINST UND JETZT
VON DEN BRÜDERN STRASSER UND ERNST NIEKISCH ZU JÜRGEN ELSÄSSER UND K.F. JEBSEN

„Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“. 
Kaiser Wilhelm II. am 4. August 1914

DIE QUERFRONT ALS RECHTES KONZEPT EINST UND JETZT
VON DEN BRÜDERN STRASSER UND ERNST NIEKISCH ZU JÜRGEN ELSÄSSER UND K.F. JEBSEN

Die Montagsdemonstrationen in Deutschland, die Propaganda der Herren Elsässer, Ken Jebsen und Lars Mährholz, lösten eine neuerliche Debatte über Querfrontstrategien der neurechten Bewegung aus.

Das Querfrontkonzept ist ein altes rechtes Konzept um Leute von links nach rechts zu ziehen, wobei in jüngster Zeit auch bürgerliche Ideologen den korrekten Begriff „Querfront“ benutzen um links und rechts gleichzusetzen. Damit treffen sich diese Philister mit den Rechten, welche aus demagogischen Gründen ebenfalls diesen Gegensatz und damit den Klassengegensatz negieren. Für den bürgerlichen Philister ist rechts und links das negative Gleiche, während für Querfrontler der Gegensatz nicht mehr existiert.

Beides, rechte Querfrontbildung wie die missbräuchliche Verwendung des Begriffes „Querfront“ durch bürgerliche Ideologen, darf keinesfalls hingenommen werden.

Für Herrn Elsässer und die oben genannten Personen gibt es keinen Gegensatz zwischen rechts und links mehr.

Im Mittelpunkt ihrer Agitation steht das Streben nach nationaler Einheit – sprich: der Gemeinsamkeit zwischen Krupp und Krause. Der zur Schau gestellte Antikapitalismus ist nichts weiter als schmieriger Honig, um die Fliegen anzulocken.
Für die Genannten ist die 'Fed'-Bank aus den USA der Hauptfeind der Menschheit. Die oben genannten Personen treten für die Einheit aller Deutschen gegen die USA ein.
Die ständige Erwähnung bestimmter US Banken hat das Ziel, den deutschen Imperialismus historisch und aktuell zu entlasten. 
Unterlegt wird das Ganze mit der Propaganda, dass die „Bundesrepublik Deutschland eine Kolonie der USA “ sei. Hinter dieser Art von „Antikapitalismus“ erscheint ziemlich deutlich die Fratze antisemitischer Kapitalismuskritik. Letzteres kann und darf behauptet werden, denn kein Antisemit nennt sich in der Regel Antisemit. Er redet höchstens über die böse Rolle der Zionisten und ihrer Ostküste.

Der Konflikt Israel-Palästina dient als Vorwand, um Antisemitismus im neuen Gewand zu verkaufen. Herr K. Jebsen redet in einem Interview über den „Antisemitismus der Juden“ und warf ihnen vor, sich als „auserwähltes Volk zu betrachten und Araber zu unterdrücken“. Ken Jebsen meinte: „Antisemitismus ist doch nicht verboten“. Dies bezog er auf Angriffe gegen sich. 
Das 'Compact'-Magazin von Herrn Elsässer veranstaltet Konferenzen mit Thilo Sarrazin und Frau Eva Herman. Elsässer selbst tritt für eine „Einheit von Gauweiler bis Lafontaine“, mittlerweile sogar von PEGIDA über AFD zu Lafontaine ein.
Die Montagsdemonstrant*innen sind für die Freundschaft mit Russland und fordern eine Politik des sog. deutschen Friedens.
Auf ihren Demonstrationen gibt es keine Parteien mehr sondern nur noch Deutsche. All das wird zu recht Querfront genannt.

Wenn Elsässer von Eurasien, vom US-amerikanischen Finanzkapital und Bündnissen von Lafontaine bis Gauweiler und AFD auf nationaler Basis spricht, dann ist dies allerdings nicht die Sprache der irrigen Volksfrontkonzeption der Komintern, sondern die Sprache der Querfronttheoretiker aus dem letzten Jahrhundert.

Es ist daher an der Zeit, den Begriff historisch und aktuell zu klären.
Elsässer hat mit den Vätern der Querfront nicht nur einige Worte gemein, er hat ihre Konzeption.

In der Theorie, indem er das Bündnis zwischen Arbeitern und den guten industriellen Kapitalisten gegen das "zerstörerische Finanzkapital" propagiert, in der Praxis durch seine verschiedenen Querfront-Aktivitäten. Er tritt vor preußischen Akademien auf, aber auch in Belgrad bei den serbischen Radikalen. Jene sind ihrerseits mit Le Pen in Frankreich, der FPÖ in Österreich und der Schirinowski-Partei in Russland verbunden. Die Distanzierung von der NPD durch Elsässer hat höchstens die Qualität der 
Distanzierung des „ linken Nazis“ Strassers von Hitler.

Die Querfrontstrategie in der Weimarer Republik

Die Querfrontstrategie ist nichts Neues, sie geht auf die Ideologen der Konservativen Revolution der Weimarer Republik zurück. Hierzu findet sich auf der Internetplattform Wikipedia folgende richtige Textpassage:

1923 veröffentlichte der jungkonservative Arthur Moeller van den Bruck sein Werk: 'Das Dritte Reich', in dem er einen zukünftigen autoritären deutschen Staat durch eine Verbindung von Nationalismus und Sozialismus propagierte. Deutschland solle sich der Sowjetunion öffnen und eine Ausrichtung auf westliche Werte, besonders auf die USA, ablehnen.(https://de.wikipedia.org/wiki/Querfront – eingesehen am 10.11.2015)

Wer das Querfront-Magazin 'Compact' liest, muss zu dem Schluss kommen: 
Nichts Neues unter der Sonne.
Gegen Ende der Weimarer Republik unternahm der letzte Reichskanzler vor Hitler, General Schleicher, den Versuch, ein so genanntes Kabinett der nationalen Einheit zu bilden. 
Dazu schrieb das Organ des so genannten „linken Nazis“ Otto Strasser, 'Die schwarze Front':
“Her mit der Revolutionsregierung Schleicher, Gregor Strasser, Theodor Leipard, Graf Reventlow, Richard Scheringer“.

General Schleicher versuchte tatsächlich, den Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Gregor Strasser, in die Regierung einzubinden; dazu kommen sollten der ADGB - Gewerkschaftsvorsitzende Theodor Leipart, der völkische Abgeordnete Graf Reventlow und der damalige KPD Sympathisant Richard Scheringer. 
Bekanntlich ist dieses Manöver sowohl am Widerstand der Nazi-Hauptströmung sowie der sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiter*innen gescheitert.
In dieselbe Epoche fielen Äußerungen des angeblichen Gegners des Faschismus, Ernst Niekisch, die Nazis distanzierten sich nicht deutlich genug von Rom. Unter „Rom“ und „Jerusalem“ verstand der Chefideologe der 'Bewegung Widerstand' „Westliche und weibische Dekadenz“. 
Mit seiner spezifischen Russland-Sympathie schlägt Herr Elsässer heute in eine ganz ähnliche Kerbe: Elsässer geht konform mit der Ablehnung von Homosexualität und demokratischen Werten, und lobt das “patriotische Russland“. Er vertritt dabei auch objektiv die Sache einer bestimmten Fraktion innerhalb der deutschen Bourgeoisie.

Schon 1932 schrieb Ernst Niekisch: „Gegen Rom und Jerusalem, für ein Bündnis mit dem patriotischen Russland.“ Schon damals stellten sich die Befürworter dieses Bündnisses dieses recht einseitig vor: „Ein russischer Rohstoffrumpf mit einem deutsch-technologischen Kopf.“

Bestimmte Fraktionen innerhalb der deutschen Bourgeoisie denken heute ähnlich. Immerhin gibt es 6000 deutsche Kapitalinvestitionsstandorte in Russland. Dieses Interesse an Russland wird kombiniert mit einer vollständigen Unterwerfung der Ukraine unter das deutsch dominierte Europa.
Als Antwort auf diese Strategie versucht der Konkurrent des deutschen Imperialismus, der US-Imperialismus, jetzt den Konflikt deutlicher als vom deutschen Imperialismus geplant zuzuspitzen. Dagegen regt sich Widerstand innerhalb gewisser Teile der deutschen Bourgeoisie. 
Jürgen Elsässer ist dabei aber nicht einfach bloß ein Agent dieser Teile des deutschen Großkapitals, sondern vertritt die Ideologie des reaktionären deutschen Kleinbürgertums. Dieses Kleinbürgertum war einst fast genauso empfänglich wie heute für eine Propaganda, die den Kapitalismus und den Bolschewismus ablehnt.
Die Ideologen der „Konservativen Revolution“ versuchen diese Geisteshaltung auszunutzen. Alle Vorurteile und Ängste des Kleinbürgertums werden mittels einer bestimmten sozialen 
Demagogie auf völlig reaktionärer Grundlage bedient. Das Reaktionäre an Elsässer ist nichts Neues, sondern altbekannt.

Aktuelle Querfront Projekte in Europa

Als Jürgen Elsässer noch für die 'Junge Welt' und das 'Neue Deutschland' schrieb, unterstellte ihm der Autor dieser Zeilen, letztendlich Querfrontkonzeptionen zu propagieren.

In Ex-Jugoslawien speziell in Serbien gab es in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine reale Querfront. Die Regierungspartei unter Milosevic nannte sich „Sozialistisch“, gleichzeitig bestand ein enges Bündnis mit den faschistischen Tschetniks.

Dazu kam noch die Partei der serbischen Millionäre, die sich seltsamerweise 'Jugoslawische Linke' nannte. Die Klammer für das Bündnis war das Streben nach Großserbien - mittels einer wüsten nationalistischen Demagogie gegen Bosnier und Albaner.

Neben dieser nationalistischen Klammer gab es einen Pseudo-Antiimperialismus mit dem Hauptgegner USA. 
Hier ist sich Elsässer stets treu geblieben, stand auf der Seite der serbischen Rechten und brachte es fertig, die Massaker in Bosnien und Kosova zu leugnen.
Mit seinem Monatsmagazin 'Compact' bringt er es nun zustande, auch zum Liebling der deutschen Rechten zu werden. Der einstige NPD-Vorsitzende Holger Apfel sprach 2010 in den höchsten Tönen von Elsässer und dies obwohl sich Elsässer bis heute, zumindest formal, von der NPD distanziert.

Tatsache ist, dass Elsässer von „Eurasien“ träumt, einem alten Projekt deutscher reaktionärer Geopolitik. Dieses angestrebte Kerneuropa, über Russland nach China auf nationalistischer Basis, kommt auch in den theoretischen Betrachtungen der serbischen Chauvinismen vor.
Das nationalistische Querfront-Bündnis in Serbien wurde von Elsässer und von weiten Teilen der Linken in Deutschland, ohne genau hinzusehen, unterstützt. Die Klammer für diese Unterstützung bildete die billige Formel: “ Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“

Elsässer hat aber im Gegensatz zu vielen innerhalb der deutschen Linken das serbische Querfrontkonzept aus der damaligen Zeit verinnerlicht und auch in Russland gibt es Gruppen, die sich „Nationalbolschewistisch“ nennen und einem Pseudo-Antiimperialismus frönen.

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts knüpften die Ideologen der neuen Rechten vor allem in Frankreich an die alte Querfrontstrategie aus der Weimarer Republik an. Daneben inspirierte diese Leute Georges Sorel, der das ideologische Vorbild von Mussolini war.

Heute stehen in Deutschland neben Personen wie Elsässer, Schwab, Jebsen und Mährholz auch Barden wie Xavier Naidoo und Christian Anders („Es fährt ein Zug nach nirgendwo“) für diese Politik.
Naidoo selbst darf laut einem Gerichtsurteil nicht als Antisemit bezeichnet werden, sondern nur einzelne Textpassagen als antisemitisch. Dabei handelt es sich um Passagen, in denen es um den Baron Rothschild als angeblichen „Weltbeherrscher“ geht. Auch der ehemalige Schlagerstar Anders textet rechten, esoterisch-antisemitisch verbrämten Müll. Eine Textpassage lautet: „Ihr kennt sie nicht ihr kennt sie nicht die Protokolle.“ Natürlich ist auch Anders nach Ansicht bestimmter Gerichte kein Antisemit, sondern nur ein Mensch mit antisemitischen Texten.

All diese Leute finden sich auf Querfront-Veranstaltungen. Auch bei den Montagsdemonstrant*innen – nicht zu verwechseln mit den Demonstrant*innen gegen Hartz IV – treten diese Gestalten gelegentlich auf. Neben ihnen stellt die antisemitisch-sexistische Band „ Bandbreite“ häufig das musikalische Rahmenprogramm der Montagswahnwichtel und „Friedensfreunde“ . Der Grundgedanke auf diesen Veranstaltungen ist immer der, den Hauptfeind im US-Imperialismus zu sehen. Das Axiom von Liebknecht, Der Hauptfeind steht im eigenen Land, wird negiert.

Die Querfrontstrategie ist beim derzeitigen Stand von „linkem Bewusstsein“ relativ erfolgreich. Daher ist es dringlich, die reale Querfront zu bekämpfen.

Die Querfront hat nicht mit der von der Komintern ab 1935 propagierten Volksfront zu tun; die Volksfrontpolitik schwächte die Arbeiterbewegung. Die rechten Querfrontideologen heute haben dagegen keinerlei Begriff von Arbeiterklasse oder Klassengegensätzen; sie sehen weder in Deutschland, noch in Serbien, noch in Russland einen Gegensatz zwischen links und rechts, sondern kennen nur noch das Volk, das es zu vereinen gilt.
Der bürgerliche Charakter der Querfront bei Elsässer

Im Gegensatz zu den weiter oben behandelten Querfrontlern aus der Weimarer Republik verzichtet Elsässer weitgehend auf soziale Demagogie. Im 'Compact'-Magazin wird zur Wahl der bürgerlichen Professorenpartei AFD aufgerufen. In ihrer Propaganda richten sich Elsässer und Jebsen an Kleinbürger mit bestimmten Ersparnissen, die um ihre finanziellen Rücklagen fürchten und dafür vor allem EU-Bürokratie und EU-Finanzmarktregulierung verantwortlich machen.

Diese Schichten haben Angst und der Antikapitalismus der bürgerlichen Querfrontler bedient im Wesentlichen dieses Klientel. In diesen Kreisen gibt es eine Offenheit gegenüber der Idee einer „geheimen Verschwörung“, die das Ersparte des Kleinbürgers bedroht. Als Gegner wird nicht der Kapitalismus genannt, sondern bestimmte Kreise in den USA. Jedes antisemitische Herz frohlockt über diese billigen Codewörter, denn in diesen Kreisen ist klar, wer hinter dieser Bedrohung steht; nicht umsonst attackierte Herr Mährholz auf seinem zwischenzeitlich gelöschten Eintrag im Internet den Baron Rothschild.

Letztendlich hat die soziale Demagogie bei Elsässer und Jebsen gewisse Grenzen. Es gibt keine Attacken gegen Hartz IV und gegen die unsoziale Umverteilung in Deutschland. Ihre Propaganda richtet sich ausschließlich an das esoterisch-reaktionär-antisemitisch beinflussbare Kleinbürgertum. Die offenen Nazis hingegen versuchen, demagogisch auch Fragen der sozialen Umverteilung von unten nach oben aufzugreifen.

Dies geht Herrn Elsässer und Ken Jebsen zu weit. Sie versuchen den kleinbürgerlichen Mittelstand auf der Basis des Nationalismus hinter sich zu bringen. Das Spiel mit der sozialen Frage, wie es offene Faschisten gemeinhin tun, ist Ihnen zu gefährlich und passt nicht in das bürgerliche Querfrontkonzept, wie es oben skizziert wurde.

Das bürgerliche Querfrontkonzept führt den „Kulturkampf“ und den Kampf um eine andere Außenpolitik. Basis dafür ist der Nationalismus.

Auch wenn es mittlerweile Differenzen zwischen Elsässer und Jebsen gibt, ist letzteres kein Argument zugunsten von K.F. Jebsen. Auch zwischen Ernst Niekisch, Otto Strasser und Ernst Jünger gab es gelegentliche taktische Differenzen in der Weimarer Republik. Es gibt keinerlei Rechtfertigung für Kungeleien zwischen dem Bundestagsabgeordneten der Linken Dieter Dehm, und der neurechten Friedensbewegung um Jebsen und Mährholz.

Autor Max Brym für das SFM

Anmerkung der Redaktion:
Alle in „ Zeichen“ gesetzten Textstellen sind Zitate der genannten Personen

Das Sozialistische Forum München entstand im November 2014. Wir stehen für Sozialismus und Demokratie.

Unsere Termine, Veranstaltungen und Bildungsreihen sind auf unserer Web-Site zu erfahren:
https://www.sozialistisches-forum-munchen.com

Das SFM trifft sich jeden 2. und 4. Donnerstag 
um 19:30 Uhr im:
Eine-Welt-Haus, Schwanthalerstr. 80, 80336 München
U 4 und U 5 Theresienwiese

V.i.S.d.P.: Beate Jenkner, Türkenstr. 83, 80799 München, E.i.S.

 
Max Bryms Foto.

 

 

 

 

 

 

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Refugees Welcome in Neuötting – Beschlagnahmt die Hotelzimmer von Gerold Tandler  
Von Max Brym


Kürzlich war der Autor dieser Zeilen in Altötting. Altötting liegt in Südost- Oberbayern und gilt als der deutsche Marienwallfahrtsort schlechthin. Unmittelbar daneben befindet sich die Stadt Neuötting In Altötting traf der Autor dieser Zeilen , den Vorsitzenden des Vereins „Von Mensch zu Mensch in Alt/Neuötting E.V. „- Falko Harlander . Der Inhalt des Gespräches - gab wieder - welche enorme Menge von Empathie es gegenüber den Flüchtlingen in Alt und Neuötting gibt. In Neuötting befinden sich gegenwärtig in der dortigen Dreifachturnhalle im Schnitt 180 Menschen, welche vor Terror und Not in ihren Heimatländern geflüchtet sind. Die Vereinsmitglieder der örtlichen Initiative entwickeln unglaublich viel an konkreter Hilfe für die Geflüchteten. Falko Harlander berichtete von umfangreichen Aktivitäten , die auf freiwilliger Basis geleistet werden. Flüchtlinge werden zu Ämtern und Ärzten begleitet. Es gibt aus der Bevölkerung sehr sehr viele Sachspenden, sowie Menschen die auf unterschiedliche Art und Weise helfen. Auch sehr viele Pater aus dem stockkatholischen Altötting, engagieren sich sehr positiv . Der Verein führt Sprachkurse, sowie jede Menge Freizeitveranstaltungen zu Gunsten der Geflüchteten durch. Auch die örtlichen Fußballvereine bieten eigene Programme für Flüchtlinge an. Gemeinsam mit den Flüchtlingen werden Konzerte und die örtlichen Bäder besucht. Für die Initiative ist es von enormer Bedeutung, dass die Flüchtlinge, eine sinnvolle Beschäftigung haben. All diese Aktivitäten lassen einen wieder an die Menschen glauben. Aber nach Meinung des Autors reichen diese Aktivitäten nicht aus. Die Belegung der Dreifachturnhalle in Neuötting ist für die Flüchtlinge alles andere als angenehm. Menschen werden in einer Turnhalle zusammengepfercht. Die Entwicklung einer Privatsphäre ist in dieser Halle nicht möglich. Im Schnitt bleiben die Menschen zwischen acht und zwölf Wochen in der Dreifachturnhalle. Die Flüchtlinge stammen im wesentlichen aus Afghanistan, Syrien, dem Irak aber auch aus Albanien und Kosovo. Vor einigen Tagen wurden minderjährige Flüchtlinge und einige Familien in die Jugendherberge nach Burghausen verlegt.

Konflikte

Selbstverständlich ist die Belegung der Dreifachturnhalle in Neuötting nicht unproblematisch. Durch die Belegung werden Schulsportveranstaltungen und Vereinsaktivitäten objektiv behindert. Diesen Fakt macht sich die rechtspopulistische AFD zu nutze. Am 2. Oktober führte die AFD eine größere Veranstaltung in Neuötting mit ihrer Bundesvorsitzenden Frauke Petry durch. Sehr demagogisch wurde das Problem mit der Dreifachturnhalle durch die Rechtspopulistin Petry instrumentalisiert. In der Tat, es besteht die Gefahr, dass trotz aller Empathie und Hilfsbereitschaft , die Stimmung in Alt und Neuötting kippen könnte. Auch die Unterbringung von jugendlichen Immigranten in der Jugendherberge Burghausen geht in Wirklichkeit in die falsche Richtung und liefert rechten Demagogen scheinbar Argumente.

Das Hotel – Post und der Gasthof Scharnagl

Das „Hotel zur Post“ und der Gasthof Scharnagl sind historische Gebäude, die im Zentrum des Wallfahrtsortes Altötting liegen. Derzeit fällt aber jede Einnahme durch Hotelbesucher weg: In keinem der Häuser darf auf Anordnung des Landratsamtes Altötting ein Gast nächtigen, da trotz mehrfacher Anordnung die massiven Mängel im Brandschutz nicht beseitigt worden sind. Einst hatte das „Hotel Post“ vier Sterne. In beiden Hotels gibt es zusammengerechnet für über 300 Personen Platz. Der Eigentümer ist der ehemalige CSU Generalsekretär, bayerische Finanzminister und Innenminister Gerold Tandler. Die Familie Tandler darf nur noch den Gastronomiebetrieb aufrechterhalten. Sein erstes Hotel, die Post, erwarb Tandler 1976 als zweites Standbein neben der Politik. Im Gasthof zur Post gilt die Sperrung der Obergeschosse bereits seit Oktober 2014. Im März 2015 erging der Bescheid, dass auch der Gasthof Scharnagl keine Zimmer mehr vermieten darf. Trotz des Verbots wohnen im Gasthof Scharnagl noch einige Personen. Im Januar will die Familie Tandler beide Gasthöfe renovieren. Die politische Karriere von Gerold Tandler endete Anfang der Neunzigerjahre abrupt. Gerold Tandler war in die so genannte Zwick Bäderaffäre verwickelt.

Auf der Seite Wikipedia ist folgendes zu lesen: „ Eduard Zwick – bekannt als niederbayerischer Bäderkönig – lieh Tandler im Jahr 1976 700.000 DM für den Kauf des mit öffentlichen Geldern renovierten „Hotel zur Post“ in Altötting. Bei der parlamentarischen Untersuchung der Zwick-Affäre und im Prozess wegen Steuerhinterziehung gegen Eduard Zwicks Sohn Johannes verstrickte Tandler sich in Widersprüche bezüglich der Umstände der Privatkredite und soll damit uneidliche Falschaussage begangen haben. Es wurde auch der Verdacht laut, dass Tandler bei der Zwickschen Steuerhinterziehung geholfen haben soll. Beide Anklagepunkte wurden später gegen eine Geldauflage von 150.000 Mark eingestellt. „ 


Tandlers Hotels für die Flüchtlinge 

Die Ostsee-Zeitung berichtet am 20.10.2014: „Kühlungsborn Stadt will Flüchtlinge in Ferienhäusern unterbringen Auch gegen den Willen der Besitzer könnten Asylbewerber in Kühlungsborn (Landkreis Rostock) bald in Urlaubsquartieren wohnen.“ Aus Nordrhein-Westfalen ist folgendes zu hören: „ Olpe: Gasthaus wird beschlagnahmt, um Flüchtlinge unterzubringen.“ Es sollte auch in Südostoberbayern möglich sein , die Verfügungsgewalt und das Eigentum der Familie Tandler , über beide Hoteleinrichtungen infrage zu stellen. In Notsituationen dürfen Kommunen ungenutzten Wohnraum laut Gesetzeslage beschlagnahmen. Diese Notsituation ist im Landkreis Altötting gegeben. Es ist nicht hinnehmbar, dass die Familie Tandler über jede Menge Hotelflächen verfügt und gleichzeitig Flüchtlinge in einer Dreifachturnhalle untergebracht werden. Im kommenden Winter könnte sich die Situation weiter verschärfen. Zelte sind keine Lösung. Das „Hotel Post“ bietet sich als Unterbringungsmöglichkeit an. An die Familie Tandler müsste laut Gesetzeslage nichts bezahlt werden. Entschiedene Maßnahmen zu Gunsten der Flüchtlinge und der einfachen Bevölkerung in Alt und Neuötting sind nötig. Diese Maßnahmen können sich auch auf das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland stützen. Leerstehenden Wohnraum mit Zwangszuweisungen und Beschlagnahmen wieder seinem Zweck zuzuführen, ist die konkrete und konsequente Durchsetzung der deutschen Verfassung gegen den ständigen Verfassungsbruch durch die Wohnraumbesitzer. 
So wird dem Artikel 14 Abs. 2 („Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“) 
Die Enteignung nach Artikel 15 Grundgesetz unter Maßgabe des Art. 14. Abs. 3 ist ein probates Mittel, um die Menschenwürde zu verteidigen. Es muss darum gehen Gebäude und Wohnflächen die zu Spekulationszwecken leer stehen, Obdachlosen, Flüchtlingen aber auch Menschen die beengt wohnen zur Verfügung zu stellen.

Ein Einwand

In Altötting hat mein Vorschlag Debatten ausgelöst. Bekanntlich darf Tandler seine Hotels nicht mehr führen weil es keinen ausreichenden Brandschutz gibt. Die Antwort darauf ist: Es ist gesellschaftlich vernünftig den Brandschutz zu installieren. Die Kosten dafür sollten dem Eigentümer in Rechnung gestellt werden.

Foto Max Brym 


 

 

 

 

 

Filmkritik a girl walks home alone at night

 

Filmkritik
a girl walks home alone at night

von Jonas.Bokelmann 

A girl walks home alone at night lautet der sperrige Titel eines so atmosphärischen wie intelligenten Streifens, der 2014 auf dem Sundance-Festival Furore machte und es vor einem Monat auch in die hiesigen Kinos schaffte. Das Spielfilmdebüt der iranischstämmigen Amerikanerin Ana Lily Amirpour behandelt die Themen Entfremdung, Einsamkeit und Widerstand auf mehreren, vielfältig aufeinander bezogenen Ebenen, einer im engeren Sinne existentiellen/individuellen, einer zeit- und ortskonkreten und einer, die auf allgemeine ökonomische Strukturen verweist.
Bereits der Name des Handlungsortes deutet diesen Zusammenhang an: „Bad City“ – einerseits abstrakte Funktions- und Zustandsbeschreibung andererseits ein besonderer Platz: eine von den Rändern der Metropole weg unwirtliche Steppenlandschaft wird vom monotonen Auf-und-Ab der Ölförderpumpen beherrscht, während der Stadtrand selbst von riesigen Raffineriekomplexen geprägt zu sein scheint; weitere Stadtkulissen sind von scharfen Kontrasten geprägt, auf der einen Seite heruntergekommene Altstadtquartiere und Villenviertel, auf der anderen unüberschaubaren Musterhauswohnsiedlungen wiederum verschiedenen Niveaus, durch die wie mit dem Lineal gezogene Straßen laufen und die allesamt vom gleichermaßen penetranten wie schlichten Weiß sind. Es genügen rudimentäre Kenntnisse der Verhältnisse im mittleren Osten um bei solchen Einstellungen an jene für die Metropolen in dieser Region charakteristischen „Schlafstädte“ zu denken. Dass Bad City dabei vor allem auf Teheran zielt, geben Straßenschilder in persischer Sprache und ein an prägnanter Stelle eingesetztes Ausstattungsstück zu erkennen: ein „Radio-Teheran“-Poster in der Souterrainwohnung einer jungen Vampirfrau, einer der Hauptfiguren des Films. Während solche Momente zur Einordnung der Handlung an genau einem Ort zu einer ganz bestimmten Zeit einladen, lassen andere Bad City weniger als Ort in Raum und Zeit, denn als allgemeines Phänomen erscheinen – eine Stadt wie eine weiße Leinwand, auf der die allgemeinen bürgerlich-kapitalistischen Gewaltverhältnisse grell herausstechen und deren Kernmotive/-symbole greifbar gemacht werden; sie sind eng verbunden mit der Hauptfigur des Films, dem Landschaftsgärtner und Gelegenheitsgauner Arash.
Arash verdingt sich tagsüber auf dem Anwesen einer reichen Familie, zeitweise dealt er mit Drogen. Sein auf diesen Wegen verdientes Geld fließt größtenteils in den Unterhalt einer beengten Behausung und in die Heroinsucht seines Vaters, mit dem er sich die Wohnung teilt. Die geringen Summen, die ihm nach Abzug dieser Posten noch bleiben, hat Arash, dem auch sonst ein James-Dean-Habitus anhaftet, in ein altes Cabriolet gesteckt, eine Leidenschaft, die in ihrer Extravaganz und gleichzeitigen Gesellschaftsferne an die „fetten Aufbaujahre“ des Kapitalismus in Westeuropa und Amerika nach dem Ende des zweiten Weltkrieges denken lässt, als im Zuge des Nachkriegsaufschwungs auch für Lohnabhängige eine eigene Existenz (im doppelten Sinne von Selbstentfaltung und materieller Sicherheit) greifbar erschien.
A girl walks home alone at night denunziert ein solches Bedürfnis nach Selbstverwirklichung keineswegs pauschal, lässt es aber nichts desto weniger scheitern – der Film macht aus diesem Scheitern eines von fast maschineller Notwendigkeit, denn gerade als Arash besagten Oldtimer erstanden und eine erste Runde gedreht hat, nimmt ihm nur „eine Szene weiter“ ein professionellerer Drogenhändler und Zuhälter, der die gleichermaßen brutalen wie protzigen Züge des Neureichen trägt, das Fahrzeug auch schon wieder ab, als Pfand für Drogenschulden, die Arashs Vater bei ihm hat. Was in dem Handlungsmoment eines mit uhrwerkhafter Präzision zuschlagenden Schicksals zum Ausdruck kommt, ist kein iranisches Spezifikum, vielmehr handelt es sich – das machen die erwähnte Reminiszenzen an westliche Wohlstandsmythen sehr deutlich – um eine kapitalistische Funktionsweise: der einzelne Arbeitende, der in letzter Instanz nur insofern von Belang ist (und nur insoweit vom Mehrwert etwas abbekommt) als seine Arbeitsfähigkeit gesichert ist. Alles, was darüber hinaus geht, ist potentieller Quell weiterer Profite und entsprechend frei und fatal können sich Preis für Konsumprodukte und Unerbittlichkeit beim Schuldeneintreiben entwickeln. Im Filmmotiv der Wohn- und Bedarfsgemeinschaft des individualisierten und individualistischen Arbeiters Arash mit einem von Konsumprodukten Abhängigen, seinem Vater, findet die Ohnmacht des Einzelnen, die Unfreiheit in Freiheit, ihre prägnante symbolische Ausgestaltung.
Der Film interessiert sich aber nicht nur für Entfremdung im engeren ökonomischen Sinne, sondern auch für ihre subjektive Komponente, er stellt die Frage, was die Entfremdung vom eigenen Persönlichkeitsentwurf aus den betroffenen Menschen macht, und er stellt sie – und hier wird der Film politisch – als eine gesellschaftlich drängende heraus. Gleich nachdem Arash seinen neuen alten Wagen verliert, erfolgt eine Überblendung auf eine Szene, die ihn am Ort seiner Entfremdung vom Mehrprodukt, dem Anwesen der reichen Familie, beim Abschneiden von Heckenblüten zeigt: Alles was über seine Eigenschaft als Objekt von Ausbeutung hinausgeht wird Arash somit gleichsam abgeschnitten – und nicht nur das: Seine Rückstufung zum kleinen Mann gerät zum persönlichen Versagen, denn schließlich ist er selber es, der die Hecke zurückschneidet, gezwungen ist, sich fortwährend selbst zurechtzukürzen.
Die Denker der kritischen Theorie sahen in narzisstischen Kränkungen, wie sie Arash erfährt, eine der Kernerfahrungen des Menschen im modernen Kapitalismus und beschrieben sie im Zusammenhang mit Prozessen persönlicher Regression und der Ausbildung von autoritären Charakterstrukturen, d.h. Tendenzen, die (angesichts verschiedener gesellschaftlicher Rahmenbedingungen unterschiedlich schwierige) Aufgabe eine eigene Persönlichkeit unter Rücksichtnahme auf und unter Einbezug Anderer auszubilden (was Kompromisse und Verzicht impliziert), zugunsten von Wahnvorstellungen absoluter Macht und Ohnmacht aufzugeben.
Autoritäre Charakterzüge in diesem Sinne begegnen einem in Bad City quer durch die Bank und sie betreffen die Figuren von A girl walks home alone at night in unterschiedlicher Ausprägung: da wären die gewissenlosen manipulative Verhaltensweisen, die das Nesthäckchen aus reichem Hause, dem ökonomisch von ihr abhängigen Arash gegenüber an den Tag legt, oder die brachiale Rücksichtslosigkeit mit der Arashs Vater eine Prostituierte dazu nötigt, ihm auf seine drogengestützten Reisen in die Welt seiner unbewältigten persönlichen Traumata zu folgen. Den Extrempol solcher Verflechtung von persönlichem Regress und Ausnutzung ungleicher Marktbeziehungen ist sicherlich erwähnter Start-Up-Gangster, der sich buchstäblich und im übertragenen Sinne alles einverleibt und jeden Menschen seiner Umgebung unter die eigene Verfügungsgewalt zu bringen bestrebt ist. Einerseits folgt er der Logik des Kapitals, das immer neue Anlagemöglichkeiten braucht und unter dem Druck der freie Konkurrenz zum Monopol tendiert, gleichzeitig ist er auch persönlich als pathologischer Narziss nur darauf erpicht, Gelegenheiten zu realisieren, dabei aber unfähig sie zu genießen, da nur die fixe Idee, er möge unangefochten herrschen, zählt. Das perverse Bedürfnis, im wahrsten Sinne „in sich selbst zu ruhen“, kommt schon in dem visuellen Detail zum Ausdruck, dass er sich den Schriftzug „Sex“ als Tattoo eingravieren hat lassen, während sein exzessiver Drogenkonsum und die von ihm bevorzugte schnelle Elektro-Musik, die nach beschleunigtem Herzschlag klingt, auf seine Unfähigkeit, Befriedigung zu finden, deutet.
Hier wie auch an anderer Stelle zielt der Film besonders auf die Komplementarität solcher charakterlicher Verfallserscheinungen mit der von rigiden Moralvorstellungen geprägten Gesellschaft im Iran, ist der „Big Shot“ doch Kind und Profiteur eines zweiten klandestinen Marktes für Sex und Drogen, auf den die Armen in moralisch restriktiven Gesellschaften ausweichen müssen, während auf dem ersten die theokratischen Schranken unter Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen übersprungen werden können, was der Film an der Figur des Nesthäkchens exemplifiziert. Die relative Freiheit, die diese Frauenfigur im Film genießt, wird mit der kumulativen Unterdrückung der Frauen am besagten anderen Pol der Gesellschaft kontrastiert, dargestellt etwa anhand erwähnter Prostituierter, für die die Sehnsucht nach einem und das Hinarbeiten auf ein selbstbestimmten/s Leben nicht nur mit prekärer wirtschaftlicher Lage, sondern auch damit verbunden ist, im Schatten gesellschaftlicher Heuchelei der Gewaltverliebtheit solcher rettungslos zerstörter Männergestalten wie der Zuhälterfigur schutzlos ausgeliefert zu sein. Eine weitere Bedeutungsebene des Zuhältertattoos wäre dann auch, dass Sex in dieser Gesellschaft nichts zwischenmenschliches mehr anhaftet, sondern etwas ist, dass den Männern gehört, die ihn ausstellen können und von dem sie qua profession etwas abgeben können – ein Zustand, der in ihren Augen auf Dauer angelegt ist, eben wie ein Tattoo.

Regress schwebt über allen Figuren des Films wie ein Damoklesschwert, auch über Arash, der nach der Oldtimer-Episode ebenfalls den Drogen zuzusprechen beginnt. Sein Ecstasy-Trip auf einer schicken Kostümparty, zu der ihm nur seine Funktion als Drogenlieferant Zutritt verschafft hat und die ihn, in Gestalt des Nesthäkchens, nach Funktionsvollzug wieder ins Abseits drängt, führt für Arash mitnichten zu einem Mehr an persönlicher Nähe, sondern resultiert in einer nun völlig bewusstlosen Odyssee im Dracula-Kostüm durch die Straßen Bad City's und mündet schließlich in einer bemerkenswerten Einstellung, die den gleichsam untoten Arash am Straßenrand zeigt. wie unter Hypnose eine Laterne anstarrend. Da an diesem Punkt bereits die ähnliche Kulisse und die prägnante Gestalt Draculas Assoziationen mit Nosferatu und generell dem frühen Stummfilm geweckt haben, liegt es nahe, hier an das Ferngesteuertsein des somnambulen Cesare in Das Cabinet des Doktor Caligari zu denken; durch diese Reminiszenz bekommt der Drogenwahn Arashs eine weitere, über das bloße persönliche Schicksal hinausgehende, Konnotation: er wird greifbar als integraler Bestandteil von manipulativen Herrschaftsstrukturen.

Als Kontrapunkt zu solchen Erscheinungen individuellen Verfalls und gesellschaftlichen Zerfalls, fungiert im Film die eingangs erwähnte Vampirfigur. Beinahe allen anderen Figuren des Films gegenüber tritt sie als stummer Unheilsbote und/oder kühle Ratgeberin auf. Dass ihr übernatürliche Qualitäten eigen sind, sie eine Figur in der einen Sekunde noch verfolgen und ihr in der nächsten auch schon den Weg versperren kann, verortet sie außerhalb der physikalischen Gesetze der Filmrealität und gibt ihr den Anschein, eine (allgemein-menschliche) Funktion der Psyche aller anderer Figuren im Film zu sein, deren schlechtes Gewissen, das sich Nachts Geltung verschafft, wenn sie alleine sind. 
Andere Szenen jedoch lassen die junge Frau als reale Akteurin erscheinen. Sie droht einem kleinen Jungen – in seiner Unschuld und Ratlosigkeit eine Parallelfigur zu Arash – ihn zu beißen und klaut ihm – auch hier mag man an Arashs Oldtimer-Episode denken – sein Skateboard und fragt ihn, ob er denn brav gewesen sei und nun brav bleiben möchte. Mag man an dieser Stelle in der jungen Frau eine Verfechterin von zwar lebensweltlicher aber abstrakter revolutionärer Tugend erkennen, tritt sie an anderer Stelle als subversiver politischer Akteur auf, zielen ihre Ratschläge an erwähnte Prostituierte doch darauf ab, deren Selbstbewusstsein gegenüber ihren Ausbeutern zu stärken, sie zum Widerstand zu ermuntern.
Interessant ist an diesem Punkt, dass der relative Bewusstseinsvorsprung der jungen Frau gesellschaftliches Moment ist, und nicht persönliche Qualität eines moralisch makellosen Heilands, denn bei aller Konfrontation einerseits und allen Hilfestellungen andererseits, bleibt sie Vampir und angesichts der kapitalismuskritischen Haltung, die der Film insgesamt einnimmt, wird man dies als Verweis darauf deuten dürfen, dass auch sie als Medium gesellschaftlicher Veränderung den Zwängen kapitalistischer Vergesellschaftung unterworfen ist: Während andere sich tagsüber dem Überlebenskampf stellen müssen, zieht sie Abend für Abend aus, anderen des Blut auszusaugen. Zwar richtet sie ihre Zwänge vornehmlich gegen die herrschenden Kräfte der Gesellschaft, doch fallen ihr auch anonyme Obdachlose zum Opfer. 
Letztlich sind ihre schönen Persönlichkeitsfacetten (eine fabelhafte Szene macht beispielsweise ihre besondere Liebe zur Musik sehr deutlich, die von anderer Qualität ist als das positive Wissen über einzelnen Interpreten oder das angesprochene Kickbedürfnis des Großdealers; allein in ihrer Souterrain-Wohnung beginnt sie sich zur Musik zu bewegen, nähert sich dabei sukzessive den Klängen an, ohne dass dies in ein bekanntes Schema aus dem popkulturelles Repertoire mündete, entwickelt stattdessen eine wahrhaft persönlichen Tanz) genauso gefährdet wie dies bei Arash der Fall ist, ist sie genau wie dieser hilfs- und anlehnungsbedürftig. Passend hierzu gesteht sie, die Vertreterin gesellschaftlich Moral und revolutionärer Tugend im Film, ihm, nachdem eine zarte Romanze zwischen beiden bereits begonnen hat, dass auch sie „böse Dinge getan habe“.
Ob diese Liebesbeziehung - auf gegenseitiger Achtung und Aufmerksamkeit gegenüber dem jeweils anderen gründend und Voraussetzung dafür, dass beide ihre oppositionellen Einstellung gewahr bleiben - „nur“ die Voraussetzung für ein anständiges privates Leben ist, oder ob die Verschwägerung von hohem gesellschaftlichen Bewusstsein und Schutz und Hilfe bietendem persönlichen Umfeld, Ausgangspunkt für tatsächlichen politischen Widerstand ist, lässt der Film offen: Als Arash und die Vampirfrau am Ende von A girl walks home alone at night gemeinsam Bad City verlassen, weiß man nicht, wohin diese Reise geht, ob es sich um einen privaten Honey-Moon handelt oder um den Gang ins Exil oder in den Untergrund, den Beginn von politischer Praxis. Mit Sicherheit ist der Film nicht bestrebt, eine Formel zu liefern, wie sich gesellschaftskritisches Bewusstsein, persönliches Glück und effektiver politischer Widerstand in Einklang bringen lassen, vielmehr möchte er dem Zuschauer/der Zuschauerin vor Augen führen, dass diese Fragen auch für sein Leben verlangen, gestellt zu werden. Mittels geglückter Sprünge von der Handlungs- auf die Rezeptionsebene gelingt auch gerade diese Unterfangen vortrefflich; so dürfte das Motiv der immer wieder verborgen im Bild sitzenden Katze und besonders die häufigen Detailaufnahmen gerade des Katzenauges, auf die voyeuristische Rolle des Kinopublikums zurückweisen, das die ganze Handlung mitbekommt, deren Konsequenzen aber enthoben ist, im Kinosessel viel zu tatenlos bleibt. Eine ähnliche Funktion hat an vielen Stellen auch die Musik: wird sie in einem Moment noch dadurch handlungslogisch motiviert wird, dass eine Filmfigur die zur Musik passende LP auflegt, dringt sie wenig später weiter aus den Boxen des Kinosaals dringt, obwohl der Tonabnehmer auf der Leinwand schon längst zurückgeschwungen ist und erneut zeigt sich: Die Figuren von A girl walks home alone at night und dessen Themen sind näher am hiesigen Publikum als diesem lieb ist.
 

 

 

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