Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos weht der „diskrete Scharm der Bourgoisie“

22.01.2016 13:00

Von Rainer Sanders 

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos weht der „diskrete Scharm der Bourgoisie“
 

Jedes Jahr im Januar findet das Weltwirtschaftsforum in Davos im schönen Graubünden statt. Dort treffen sich die Mächtigen aus Wirtschaft und Politik, um sich über die „Herausforderungen“ in der Welt einvernehmlich und diskret zu besprechen und sich darauf einzustellen, wo sogenannte Hoffnungsmärkte im Trikont (in den „Schwellenländern“) sich halten und auftun können (z.B. China und Indien).

Gesellschaftliche Verwerfungen durch Völkerwanderungen, Streiks, galoppierende Inflation und manche Warlords gefährden Geschäfte sowie Gewinnerwartungen. Das soll vermieden werden und deshalb versammelt sich in den Bergen regelmäßig und störungsfrei die „Internationale des Kapitals“.

So wird quasi neutral von bourgeoisen Professoren und Unternehmenssprechern festgestellt, dass die neue vierte industrielle Revolution die Arbeits- und Produktionswelt drastisch verändern wird. In einigen Jahren sollen über sieben Milliarden Geräte über das Internet miteinander verbunden sein. Dieses sogenannte „Internet der Dinge“ vom Kühlschrank über die elektrische Zahnbürste bis zum Personenwagen soll das Leben der Menschen neu gestalteten. Mit Hilfe eines dreidimensionalen Druckers soll z.B. eine Spenderleber für eine Transplantation konzipiert werden, das Mobiltelefon soll als kleines Implantat unter die Haut gepflanzt werden, ein Auto soll nach individuellen Wünschen hergestellt werden u.v.m. Im Computer liegen die von irgendwo auf der Welt eingespeisten Daten vor und brauchen nur noch abgerufen zu werden, um automatisch einen Fertigungsauftrag anzustoßen, einschließlich Versand ex Rampe und Rechnungslegung.

Aber was soll das Ganze? Wäre es nicht besser, das Leben so zu gestalten, dass Lebertransplantationen gar nicht nötig sind, weil die Menschen gesund und frohgestimmt leben. Technische Geräte unter die Haut zu pflanzen und permanent auf Abruf für irgendjemand bereit zu stehen entsprecht wohl nicht dem Sinn menschlicher Existenz. Alles was technisch möglich ist muss nicht sein – abgesehen von der Frage ob es ethisch ist. Aber die Sinnfrage wird in Davos nicht gestellt. Alles ist wertfrei, neutral und nüchtern. Dennoch: Die Gestalter und Profiteure der freien, offenen kapitalistischen Gesellschaft haben ganz andere Interessen als der normale Mensch.

Die erste industrielle Revolution wurde durch die Erfindung der Dampfmaschine mit der Entwicklung der Eisenbahn vorangetrieben, die zweite war die Entdeckung der Elektrizität und mit ihr verbundenen die arbeitsteilige Massenproduktion in den Fabriken, die dritte Stufe begannen in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit dem Computer, der vereinfachte Formen der betrieblichen Abläufe und Speicherung unglaublicher Mengen von Daten ermöglichte.

Die jetzige vierte industrielle Revolution bezieht sich auf das „Internet der Dinge“, um im Verbund die Automatisierung der Produktion voranzutreiben. Neue Gewinnfelder sollen erschlossen werden, ansonsten gehen viele Industriebetriebe unter, z.B. Siemens und General Electric.

Mit dem Begriff Industrie 4.0 sind Anwendungsszenarien in produzierenden Unternehmen verbunden, um die vernetzte Fabrik als zusätzliches Wachstumsmodell zu organisieren. Dahinter verbergen sich kürzere Innovationszyklen, komplexere Produkte, eine individualisierte Massenfertigung und eine verbesserte Ressourceneffizienz.

Herstellern von Produkten wird über das Netz mitgeteilt was die Endkunden zu welchem Zeitpunkt benötigen, bzw. wann welche Maschinenteile gewartet bzw. ersetzt werden müssen. Neue Produkte lassen sich zeit- und kostensparend virtuell entwickeln und optimieren. Immer mehr und schneller werden Waren mit der entsprechenden Industriesoftware hergestellt.

Auf dem Weltwirtschaftsforum wird darauf hingewiesen, dass auf dramatische Art und Weise viele Arbeitsplätze im Zuge der neuen Entwicklung verloren gehen werden. In Summe sollen ca. sieben Millionen Arbeitsplätze wegfallen. Zwar scheinen zwei Millionen neu geschaffen werden können, aber wer in dieser digitalen Welt noch mithalten kann sind Mathematiker, Informatiker und Naturwissenschaftler. Alle anderen dürften unter den gegebenen Verhältnissen ins Prekariat abrutschen.


All das wissen natürlich die Forumsteilnehmer, aber ändern werden sie es nicht. Sie können es wohl nicht und wollen auch nicht verhindern, dass Menschen verelenden. Aber, sie befürchten eine sozialistische Revolution von und mit klugen und bewussten Menschen, die eine alternative Wirtschaftsgesellschaft mit humanen und verlässlichen Lebensverhältnissen aufbauen können.

Karte: Davos

 

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